The Magnificent Seven

Seductive Crime, Part 1

Title: Seductive Crime, Part 1
Author: Tegan
Mail: angelus-vampirin@gmx.net
Fandom:
The Magnificent Seven
Rating: NC-17
Category: Action, Drama, Sex
Characters, Pairing: Team Seven, Vin / Erin (eigener Charakter)
Universe: ATF
Summary:
Team Seven bekommt den Auftrag, Desmond Tiger zu entlarven, der sich wie ein Phantom verhält. Zur selben Zeit lernt Vin eine Frau kennen, die alles in seinen Leben verändern sollte ...
Disclaimer:
Die Charaktere von Mag7 gehören nicht mir, sondern CBS, The Mirisch Group, MGM, Trilogy und anderen. Diese Story ist FanFiction, mit der weder Geld verdient, noch Rechte verletzt werden sollen. Ich schreibe sie nur zu meinen Vergnügen. Jedoch gehören die Originalcharaktere mir sowie der Plot.
Das ATF-Universum ist die Erfindung von Mog, die es auch erlaubt, daß andere sich an dieser Welt probieren.
Note:
Dies ist meine erste Mag7-Story, die überhaupt fertig ist. Ich spiele noch ein wenig mit den Figuren und hoffe, daß es einigermaßen zu den Charakteren paßt. Wenn nicht, seien mir solche Fehler bitte verziehen, ich gelobe Besserung!
Mein großer Dank gilt Shendara, ohne die ich dieses Fandom niemals entdeckt hätte. Angefangen hat alles ganz unschuldig. Shendara erzählte mir von der Serie, und ich dachte mir nur, okay, wenn sie es schreiben will. Mich persönlich hat es zu diesen Zeitpunkt noch nicht interessiert, da ich dem Western eigentlich schon lange ade gesagt habe. Doch das Schicksal hatte natürlich mal wieder seine Finger im Spiel. Ich kam mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus, wurde operiert und dachte mir, wenn ich am Wochenende schon im Krankenhaus liege, kann ich mir ja auch mal diese Serie ansehen, die Shendara so fasziniert. Gesagt, getan. Eine Folge hat gereicht und auch ich war mit dem Mag7-Fieber infiziert. Shendara hat nun einmal die Gabe, mich zu den Serien zu bringen, die auch sie interessieren. Also, Danke, Shendara!
Ein großes Dankeschön geht auch an Birgitt dafür, daß sie meine Mag7-Storys Beta liest.
Ich werde mich bemühen, so schnell es mir möglich ist, an der Fortsetzung zu arbeiten. Aber da Mag7 nicht mein einziges Fandom ist, in dem ich schreibe, kann es eine Weile dauern. Jetzt habe ich aber genug geredet. Es wird Zeit, daß ihr zum Lesen kommt. Viel Spaß mit meiner ersten Mag7-FanFiction!

~ Prolog ~

Leise regnete es vor sich hin. Die Straßen waren naß. Die Dunkelheit zog über die Stadt Denver. Straßenlaternen spendeten den dunklen, leeren Straßen gedämpftes Licht. Man sah kaum seine eigene Hand vor den Augen. Aus den Lokalen drang der schwache Lärm der Musik und der feiernden Menschen, die für einen Abend ihren Alltag vergessen wollten.

Vor einer dunklen Gasse standen zwei Männer. Der Kleinere von ihnen blickte immer wieder nervös auf seine Armbanduhr. Ihre Verabredung kam zu spät. Es war zehn nach Mitternacht. „Wo bleibt er nur?“ fragte er unruhig. Der dunkelhaarige Mann neben ihm blickte ihn an. „Keine Sorge, die werden schon noch kommen“, sagte er mit rauchiger Stimme.

Simon Belmont strich sich mit seinen Fingern durch das kurze blonde Haar. Ihm war etwas unwohl zumute. Er fühlte sich im Moment nicht besonders wohl in seiner Haut. Vor vier Monaten war der FBI-Agent in die Waffenschieber-Szene eingeschleust worden. Er sollte Informationen und – was viel wichtiger war – ein aussagekräftiges Foto von einem der bedeutendsten Waffenhändler der Welt besorgen.

Er selbst nannte sich Desmond Tiger. Und niemand wußte, wie Desmond aussah. Man fand kein einziges Foto in den Akten des FBI, nur Schriftliches. Das bereitete den FBI große Sorgen. Dieser Mann war unberechenbar. Aus diesem Grund hatte man sich entschlossen, Simon in diese Kreise hinein zu schicken, um endlich zu erfahren, wer Desmond wirklich war. Jeder, der an diesen Fall arbeitete, wußte, wie gefährlich die Sache war – vor allem für Simon. Dieser Undercovereinsatz war lebensgefährlich, das war Simon klar, doch Desmond mußte endlich gefaßt werden.

Er schauderte leicht. Nachdem er sich mit Rodney Hunter angefreundet hatte, war es endlich soweit. Rodney war ein Unterhändler, der Desmond Tiger gegenüber sehr loyal war. Und nachdem Rodney sich auf eine Freundschaft mit Simon eingelassen hatte, war er der Meinung gewesen, daß dieser endlich Des, wie Rodney seinen Geschäftspartner nannte, kennenlernen sollte.

Simon blickte auf, als er einen Wagen näher kommen hörte. Er entdeckte einen schwarzen BMW, der sich ihnen langsam näherte. „Ich sagte doch ... sie kommen“, sprach Rodney neben dem Agenten. Ein kleines, zufriedenes Lächeln huschte über Rodneys Gesicht. „Wieso bist du so nervös?“ fragte er, als er bemerkte, wie angespannt Simon war. „Tja, dem geheimnisvollen Desmond Tiger begegnet man nicht alle Tage“, sprach Simon mit einem erzwungenen Lächeln. „Du wirst dich wundern“, lachte Rodney.

Der Agent wollte schon fragen, was Rodney damit meinte. Doch er kam nicht dazu, da der BMW neben ihnen hielt. Der Fahrer stieg aus. „Ihr seid nicht gerade pünktlich“, sagte Rodney. Der Fahrer ignorierte Rodneys Spruch einfach und musterte Simon mit einen scharfen Blick. Nickend nahm er seine Anwesenheit zur Kenntnis. Nun fühlte sich Simon noch unwohler. Langsam bekam er das Gefühl, daß hier irgend etwas nicht stimmte.

Jedoch kam diese Erkenntnis zu spät. In der selben Sekunde packte Rodney ihm am Kragen und drückte ihn auf die Motorhaube. „Mann, was soll das?“ fauchte Simon, darum kämpfend, seine Beherrschung nicht zu verlieren. „Hast du wirklich geglaubt, uns einfach so hintergehen zu können, du mieser, kleiner FBI-Agent?“ Simon schluckte. Seine Tarnung war ganz offensichtlich aufgeflogen.

„Du wolltest wissen, wer Desmond Tiger ist“, sprach Rodney. „Er hat beschlossen, dir diesen kleinen Wunsch zu erfüllen, bevor er dich umbringt.“ Darauf schien der Fahrer nur gewartet zu haben. Er öffnete die hintere Wagentür. Aus dem Augenwinkel heraus sah Simon, wie lange Beine elegant aus dem Wagen schwangen und eine Person ausstieg. Überrascht blickte Simon auf die Frau, die neben Rodney auftauchte.

Simon konnte es nicht glauben. Das konnte doch nur ein Scherz sein. Desmond Tiger war eine Frau? Bis jetzt waren sie immer davon ausgegangen, daß Tiger ein Mann war. Simon schluckte schwer. Das FBI hatte sich bitter getäuscht. Eine solch schöne Frau sollte ihr Zielobjekt sein? Sie sah doch ... nicht aus wie ein Verbrecher. Simon blickte in ihre meeresblauen Augen. Ihr langes, goldblondes Haar war hoch gesteckt. Sie trug ein kurzes, schwarzes Kleid dazu hochhackige Schuhe. Sie war überaus attraktiv und dessen war sie sich auch bewußt. Diese Frau konnte unmöglich Desmond Tiger sein.

„Überrascht?“ fragte die Lady. Simon nickte langsam. „Ich wußte, daß irgendwann ein Agent von euch auftauchen würde, der mir so nahe kommt, das er mir in die Augen schauen kann. Gratuliere! Du bist der Erste, der das geschafft hat. Doch ich hätte niemals gedacht, daß ihr so verdammt nachlässig seid. Ich hätte wirklich mehr vom FBI erwartet. So kann man sich täuschen. Glaubt ihr wirklich, ich bin so leicht zu schnappen? Wirklich dumm“, sprach die Frau, die sich Desmond Tiger nannte, kopfschüttelnd.

Sie streckte ihre Hand aus. Ihr Fahrer verstand und reichte ihr eine Waffe, die er aus seiner inneren Jackentasche zog. Simon riß die Augen auf. Er wußte, er würde sterben. „Wenn Sie das tun, wird das gesamte FBI und alle anderen polizeilichen Organisationen Sie jagen. Sie werden keine ruhige Minute mehr haben, das schwöre ich Ihnen“, startete Simon einen letzten, verzweifelten Versuch, sein Leben zu retten.

Doch Desmond lachte kalt. „Simon, du bist nicht der erste FBI-Agent, den ich umbringe oder den ich umbringen lasse“, gestand sie ihm. „Wenn ich dich laufen lasse, erzählst du deinen Leuten, wer ich bin. Und ich will nicht, daß irgend jemand das erfährt. Meine Identität muß ein Geheimnis bleiben. Außerdem habe ich Spaß an diesem kleinen Spiel. Das FBI etwa nicht?“ fragte sie herausfordernd.

„Wir finden dieses Spiel, in dem unschuldige Menschen sterben, nicht sehr komisch“, fuhr Simon heftig auf. „Schade“, sprach Desmond, und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Dann macht es eben nur mir Spaß. Du wirst leider keine Möglichkeit mehr haben, irgend jemanden zu erzählen wer ich bin.“ Mit diesen Worten richtete sie die Waffe auf den FBI-Agenten. Simon schluckte schwer. Diese Frau ist kälter als jeder andere Verbrecher, dem ich begegnet bin, dachte er.

In der nächsten Sekunde drückte Desmond Tiger ab und tötete den Agenten, ohne mit der Wimper zu zucken. Rodney ließ den Agenten los. Seine Leiche schlug auf den Boden auf und verbreitete eine Blutspur auf der Straße. Desmond reichte die Waffe ihrem Fahrer, der sie ohne einen Kommentar entgegennahm.

„Was ist mit ihm?“ fragte Rodney und deutete auf den toten Agenten. Verächtlich blickte Desmond auf die Leiche hinab. „Laß ihn verschwinden – so wie die anderen vor ihm auch“, sprach sie und sie stieg in den Wagen ein. Rodney nickte und blickte dem davonfahrenden Wagen nach. Manchmal erschreckte es sogar ihn, wie kalt Desmond doch war ...

~ 1. ~

Drei Monate später

Vin fiel sofort der fremde Wagen ins Auge, der vor dem Bürogebäude von Team Seven stand. Mißtrauisch musterte er den protzigen Mercedes. Sein Gefühl sagte ihm sofort, daß da etwas nicht stimmte. Vin blickte auf seine Uhr. Er hatte sich etwas verspätet, da sein Termin länger gedauert hatte, als er gedacht hatte. Vin war dem Rat seiner Kumpels gefolgt und hatte sich endlich einen modernen Kurzhaarschnitt zugelegt. Nun war er seine schulterlange Mähne endgültig los. Darüber war Vin froh. Die langen Haare waren lästig geworden. Der kurze Schnitt gefiel ihm viel besser.

Er betrat das Gebäude und stieg die Stufen in den ersten Stock hoch. „Ich sehe nicht ein, warum wir Ihren Befehlen folgen sollten“, schallte die Stimme von Chris Larabee durch das Treppenhaus. Wir haben also Probleme, dachte Vin, und er stieß die Tür auf. Die Tür zum Besprechungsraum war offen, und Vin steuerte darauf zu. Seine Teamkameraden saßen an dem runden Tisch und verfolgte schweigend den Streit zwischen Chris und ihrem Gast. FBI, schoß es Vin sofort durch den Kopf.

„Störe ich?“ fragte Vin, als er den Raum betrat. „Setz dich, Vin“, sprach Chris abweisend, und er wandte sich wieder dem Mann vom FBI zu. „Wir arbeiten schon an einem Fall.“ „Mr. Larabee, dieser Fall hier hat oberste Priorität. Sie werden Ihre ganze Aufmerksamkeit darauf lenken, haben Sie verstanden?“ „Mein Undercover-Agent kann unmöglich an zwei Fällen gleichzeitig arbeiten“, warf Chris wütend ein.

„Was ist denn hier los?“, flüsterte Vin. Buck beugte sich zu ihm und erklärte: „Der Typ ist vom FBI. Sein Name ist Steven Care. Er hat einen neuen Fall für uns, und da diese Anweisung vom FBI kommt, ist Chris nicht gerade glücklich darüber, wie du selbst siehst und hörst.“ „Er haßt das FBI“, murmelte Vin nickend. Buck stimmte ihm zu. „Endlich hast du dir eine moderne Frisur zugelegt“, kommentierte er Vins neuen Haarschnitt. Vin verdrehte die Augen und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

„Außerdem besteht Ihr Team nicht nur aus Ezra Standish, der ein ausgeliehener Agent von uns ist, wohlgemerkt.“ „Ezra untersteht meinen Befehlen. Wir haben keine Zeit dafür.“ „Sie werden sich darum kümmern oder Sie werden mich kennenlernen, Mr. Larabee“, sprach Steven scharf. Grimmig blickte Chris den Mann an. „Sagen Sie mir einen guten Grund, warum ich mich darum kümmern sollte.“ „Weil Sie gar keine andere Wahl haben. Ihre Karriere steht sowieso auf der Kippe, da Sie Befehlen von oben ja gerne widersprechen oder sie gar ignorieren. Sie sollten vorsichtig sein!“ warnte Steven ihn.

„Ihre Vorgesetzten, Mr. Larabee, haben meinem Vorschlag schon zugestimmt. Sie übernehmen den Fall und damit ist die Sache für mich erledigt“, sprach Steven Care, und er drückte Chris ein paar dünne Akten in die Hand. „Das ist alles?“ fragte Chris ungläubig. „Es gibt kaum Informationen über Desmond Tiger. Wir haben keine Ahnung, wie er aussieht.“ „Was? Und wie sollen wir ihn dann überführen?“ fragte Chris bissig.

„Lassen Sie sich etwas einfallen, Mr. Larabee. Sie sind doch ein Profi. Jedenfalls behaupten Sie das von sich.“ Steven Care nickte den Leuten von Chris zu und verließ den Raum. Die Tür fiel leise ins Schloß. Wütend schleuderte Chris die Akten auf den Tisch. Einige Seiten fielen heraus und verteilten sich auf dem großen Tisch. Seine Leute hielten den Mund; kannten ihren Chef lange genug, um zu wissen, daß es besser war, ihn jetzt nicht anzusprechen. Geduldig warteten sie.

„Dieser arrogante, nichtsnutzige Kerl! Der denkt wohl, wir können zaubern. Wie sollen wir das machen?“ „Chris“, sprach Vin ihn vorsichtig an. „Ja?“ „Worum geht es hier?“ Chris seufzte und ließ sich schwach auf seinen Stuhl fallen. Er lehnte sich zurück und strich sich durchs Haar. „Zwei Undercovereinsätze – parallel zueinander? Wißt ihr, was das bedeutet?“ „Ja, verdammt viel Streß“, warf Buck in die Runde.

„Du kannst Ezra nicht einfach aus dem Fall nehmen. Das würde auffallen“, meinte Josiah. „Das ist mir klar. Tja, dann muß ich Vin schicken.“ „Dann würde ich gerne erfahren, worum es geht“, sprach Vin. Ein genervter Seufzer entrang sich Chris‘ Kehle. Nathan steckte die heraus geflogenen Seiten wieder in die Akten zurück, die er seinen Chef ohne ein Wort reichte.

„Na gut, wir haben sowieso keine andere Wahl! Also, fangen wir an. Doch ich sage euch gleich ... es wird der schwerste Fall unseres Lebens.“ „Wir hören“, sprach Buck, und er stützte sich mit den Ellbogen auf der Tischplatte ab. „Es geht um Desmond Tiger“, sprach Chris, und er beobachtete die Reaktion seiner Leute. Ihre Blicke wurden ernst. Der Name war ihnen allen ein Begriff.

„Desmond Tiger? Wir reden hier von DEM Desmond Tiger?“ fragte J.D. nach. Chris nickte. „Ja. Wie ihr gehört habt, hat keiner einer Ahnung, wie er aussieht. Aus den Unterlagen des FBIs entnehme ich, daß sie nur sehr wenige Informationen über ihn haben. Es wird also schwer werden, an ihn ran zu kommen. Das FBI schätzt, daß er zwischen Mitte zwanzig bis Ende dreißig ist. Er scheint ledig zu sein und hat eines der größten Waffengeschäfte auf der ganzen Welt.“ „Das alles sind Vermutungen?“ fragte Vin.

„Ja. Es gibt keine wirklichen Beweise. Niemand weiß, wie der Kerl aussieht. Er hat sich ein großes Verbrechersyndikat aufgebaut. Es wird nicht einfach werden, ihn zu entlarven.“ „Und wie sollen wir das anstellen?“ „Nun, Vin, ich würde dich ungern schicken. Du bist nur begrenzt für den Undercovereinsatz zuständig.“ „Das weiß ich selbst“, knurrte Vin. „Ezra, wie lange brauchst du noch für deinen Auftrag? Glaubst du, wir können Rick Fisher, der die Szene mit Sprengstoff versorgt, bald aus dem Verkehr ziehen?“ „Ich gehe davon aus, daß der Fall in zwei Wochen erledigt ist“, antwortete Ezra.

Chris nahm dies nickend zur Kenntnis. „Ezra, du wirst gehen. Wir werden die nächsten zwei Wochen damit verbringen, Informationen über Desmond Tiger heraus zu finden. Wir müssen davon ausgehen, daß dies nicht sein richtiger Name ist.“ „Und wie sollen wir etwas über diesen geheimnisvollen Kerl herausfinden?“ fragte Nathan zweifelnd nach. Dieser Krimineller war wirklich jeder polizeilichen Organisation ein Rätsel. „Recherchiert, redet mit der Polizei, fragt unsere Informanten aus. Irgend jemand muß wissen, wer dieser Kerl ist, verdammt noch mal“, fluchte Chris ungehalten.

„Wieso wehrst du dich dagegen, mich zu schicken?“ fragte Vin. „Du hast nicht die Erfahrung in diesem Bereich, die Ezra besitzt. Dieser Fall ist äußerst heikel, und Ezra ist genau der richtige Mann für diesen Job.“ „Es ist also brandgefährlich“, stellte Ezra fest. Chris nickte. „Ja, das ist es. Die FBI-Agenten, die undercover reingegangen sind, sind alle verschwunden. Der Letzte wird seit drei Monaten vermißt. Anscheinend ist es ihnen gelungen, in das nähere Umfeld von Desmond Tiger zu kommen.“ „Und sie wurden entlarvt. Deshalb wurden sie getötet“, bemerkte Vin.

„Ja, danach sieht es aus. Also, macht euch an die Arbeit. Desmond Tiger zu entlarven und ihn festzunehmen, wird Knochenarbeit.“ Das Team nickte und stand auf. Sie verließen den Besprechungsraum und nahmen an ihren Schreibtischen Platz. Chris ging in sein Büro. Noch immer ging es ihm gegen den Strich, wie das FBI sich mal wieder in seinen Job hinein drängte und ihm sagen wollte, wie er am besten seine Arbeit machte.

Eine Stunde später

Ein Klopfen an der Tür ließ Erin aufsehen. „Ja?“ Oliver, ihr Fahrer und ihre rechte Hand, betrat das prächtig ausgestattete Büro seiner Chefin. „Ray hat gerade angerufen“, informierte er sie. Vor ihrem Schreibtisch blieb er stehen. „Ich höre?“ „Das FBI hat den Fall abgegeben.“ „Was? Hören Sie etwa auf mich zu jagen? Das enttäuscht mich“, sprach Erin, die nur unter den Namen Desmond Tiger bekannt war. Doch Oliver schüttelte verneinend den Kopf.

„Sie haben ihn einer Spezialeinheit übergeben.“ „Was wissen wir über die?“ „Die Einheit nennt sich Team Seven. Leiter ist ein gewisser Chris Larabee.“ „Larabee! Ist das nicht der Agent, dessen Familie durch eine Autobombe ums Leben kam?“ „Ja, Des, genau dieser Chris Larabee. Der Mann ist ziemlich verzweifelt und fertig deswegen.“ Erin grinste breit. „Kann ich mir vorstellen! Laß Ray seine Belohnung zukommen.“ „Die gewohnte Summe?“ fragte Oliver, obwohl diese Frage überflüssig war.

Erin nickte. „Ja, die gewohnte Summe. Und sage ihm, ich will auf dem Laufenden gehalten werden. Dieses Team wird wohl einen Agenten undercover schicken. Wir sollten uns auf dessen Besuch vorbereiten. Und Ray soll uns alle Informationen über das Team zukommen lassen, die er hat. Ich will alles wissen.“ „Ich werde mich darum kümmern“, versprach Oliver.

„Wie schaut es mit der Lieferung für Samuel aus?“ „Es wird alles vorbereitet. Bald ist alles erledigt.“ „Der Termin ist in zwei Tagen.“ „Bis dahin sind wir fertig, und der Deal kann über die Bühne gehen.“ „Gut. Wir werden das Geschäft in New York abwickeln. Sorge bitte dafür, daß alles dafür vorbereitet wird.“ „Sehr wohl, Chefin“, sprach Oliver, und er verließ das Büro. Erin drehte sich in ihrem Stuhl und blickte aus einem der hohen Fenster, die die Augen ihrer Villa waren.

Das FBI kam mit der ganzen Sache anscheinend nicht mehr zurecht. Der Fall wurde zuviel für sie. Er überforderte ihre Jäger deutlich. Eine andere Erklärung – warum sie plötzlich so aufgaben – hatte Erin nicht. Sie zuckte leicht mit den Schultern. Diese Reaktion des FBIs überraschte sie nicht wirklich. Insgeheim hatte sie schon damit gerechnet, denn ihre Jäger kamen in dem Fall seit Jahren einfach nicht mehr weiter. „Dann schlagen wir uns halt mit diesen Supercops aus den Spezialeinheiten herum“, flüsterte Erin.

Ihr machte dieses Spiel sehr viel Spaß. Niemand wußte, wer Desmond Tiger wirklich war. Keine kannte ihre wahre Identität. Sie alle hatten keine Ahnung, daß Desmond in Wahrheit eine Frau war. Sie gingen alle – egal ob FBI oder eine Spezialeinheit – davon aus, daß Desmond Tiger ein Mann war. Und Erin hielt es für besser, es dabei zu belassen. Jeder, der es herausfand, war sowieso so gut wie tot.

Irgendwie machte es sie stolz, zu den meistgesuchten Menschen Amerikas zu zählen. Welcher Verbrecher würde sich bei dieser großen Aufmerksamkeit seitens der Polizei nicht geehrt fühlen? Und daß niemand ihr nahe genug kam, um sie zu entlarven, war für sie Grund genug, das FBI mit ihren Aktionen immer mehr zu reizen. Sie hatte keine Angst vor ihren Verfolgern oder davor, verhaftet zu werden. Sie wußte, wie schwer es war, sie zu finden. Es war wirklich hilfreich, ein Phantom zu sein.

~ 2. ~

„J.D.?“ Chris‘ Stimme riß den jungen Agenten aus seinen Recherchen. „Ja?“ „Wo sind Buck und Vin?“ „Unterwegs. Sie suchen Marc auf, ihren Informanten aus der Drogenszene. Du weißt doch: Der, der über alles Bescheid weiß.“ „Verstehe! Wenn sie wieder da sind, sag ihnen, ich will sie sprechen.“ „Wird gemacht, Boß“, scherzte J.D., und er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Ziemlich herunter gekommen, der Laden“, sprach Buck, als er mit Vin vor der Bar ‘Lockly‘ stand, in der Marc eigentlich immer zu finden war. Dieser Schuppen war schon fast sein zu Hause. „Ist das überhaupt eine Bar?“ fragte Vin zweifelnd. „Von außen schaut das jedenfalls nicht so aus. Nur der Name deutet darauf hin. Wahrscheinlich ist es wohl eher ein Treffpunkt für jeden Drogensüchtigen und jeden Dealer in dieser Stadt.“ „Na, dann paßt dieser Schuppen ja prima zu Marc“, meinte Vin. „Los, gehen wir rein!“ Vin steckte seine Sonnenbrille in seine Jacke und stieß die Tür auf.

Eine dichte und stickige Rauchwolke kam den beiden Agenten entgegen. „Oh Gott! Stinkt das hier“, kommentierte Buck. Vin und er schauten sich in der Bar um. Obwohl es erst früher Nachmittag war, war sie schon gut besucht. An den Tischen saßen Junkies, die sich gegenseitig ihr Leid klagten. Am Tresen saßen einige Männer, die so aussahen, als freuten sie sich nur noch auf das nächste Glas Whiskey, das sie trinken konnten.

„Siehst du ihn?“ fragte Vin. „Nein. Aber hier sieht man auch kaum seine eigene Hand vor den Augen. Mann, wie halten die das aus?“ „Die kennen nichts Anderes“, murmelte Vin, und er ließ seinen Blick über die Besucher der Bar gleiten. „Da drüben ist er“, sprach Vin auf einmal, und er deutete auf eine schlaksige, blonde Gestalt. „Na, dann halten wir einen kleinen Plausch mit ihm ab“, meinte Buck, und er drängte sich an den Tischen vorbei.

Marc hob den Blick und sah Buck Wilmington, der auf ihn zusteuerte. „Scheiße, nicht der schon wieder“, flüsterte er und sprang auf. Er schob den Stuhl, auf dem er saß, so heftig zurück, daß dieser laut zu Boden fiel. Der Lärm lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Agenten erst recht auf ihn. Einen Moment starrte Marc die Beiden an, dann lief er zum Hinterausgang der Bar. „Er will abhauen“, sprach Buck, und er lief sofort hinterher, während Vin kehrt machte und das Lokal durch den Vordereingang verließ.

Als Vin vor dem Lokal stand, raste gerade Marc aus der Seitengasse und hinter ihm war Buck. „Marc, bleib stehen! Wir wollen doch nur mit dir reden“, rief Buck. „Ihr könnt mich mal!“ erwiderte der Junkie, der nur widerwillig ein Informant für die Polizei war. Und schon gar nicht wollte er mit diesen verrückten Typen von Team Seven reden, die ihm sowieso wieder ein Veilchen verpassen würden, sobald er den Mund aufmachte.

Marc lief die Straße hinab und hoffte, daß er die beiden Agenten abschütteln konnte. In dieser herunter gekommenen Gegend kümmerte sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten. Niemand mischte sich in die Streitereien ein, die schon früh morgens auf den Straßen dieses Viertels herrschten. Denn jeder wußte, wie gefährlich eine solche Einmischung für einen werden konnte. Und so konnte Marc keine Hilfe erwarten. Hoffentlich hänge ich diese Idioten ab, dachte er verzweifelt, und er rannte noch schneller.

Marc bog nach rechts ab und landete in einer langen Gasse. Er stolperte über eine Mülltonne, rappelte sich jedoch sofort wieder auf und rannte weiter. „Verschwindet endlich“, forderte Marc. „Wir tun dir doch nichts“, rief Vin. Marc stand die blanke Angst ins Gesicht geschrieben. „Er hat was gegen uns“, stellte Buck trocken fest. „Stellen wir fest, was es ist“, meinte Vin. Die beiden Agenten kamen Marc ein Stück näher. Marc warf einen Blick zurück und versuchte, noch schneller zu werden. Doch das gelang ihm nicht, da ihm langsam die Luft ausging.

Und ein weiteres Hindernis stellte sich ihm in den Weg. Vor Marc tat sich eine hohe Mauer auf. Drüberspringen war nicht möglich. Marc blieb davor stehen und drehte sich langsam um. Diese Agenten, die Informationen aus ihm raus quetschten, waren wirklich hartnäckig. Vin und Buck verlangsamten ihr Tempo, da Marc sowieso nicht fliehen konnte. Den einzigen Fluchtweg versperrten sie ihm.

„Komm schon, Marc, wieso läufst du vor uns davon? Wir wollen doch nur mit dir reden“, sprach Buck. „Kommt mir bloß nicht zu nahe“, forderte Marc, und er warf eine leere Mülltonne nach ihnen. Vin duckte sich, und die Mülltonne landete laut scheppernd am Boden. „Jetzt reicht es“, sprach Buck, und er zog seine Waffe, die er auf Marc richtete. „Ganz ruhig, Junge!“ Marc hob die Hände vor Angst.

„Nicht schießen!“ bat er. Vin näherte sich ihm und schlug ihm leicht auf den Hinterkopf. „Mein Gott, wir würden dich doch nie erschießen. Du bist doch unser Freund“, sprach er. Buck nickte und legte einen Arm um die Schulter von Marc. Er steckte seinen Revolver zurück in das Halfter. „Also, warum läufst du vor uns davon? Wir wollen doch nur ein wenig mit dir plaudern.“ „Ich weiß nichts und ich habe nichts getan“, beteuerte Marc heftig.

„Hör dir das an, Vin! Dabei haben wir ihm noch nicht einmal gesagt, worüber wir mit ihm reden wollen.“ „Stimmt! Wieso fliehst du vor uns? Sag bloß, du hast etwas zu verbergen“, meinte Vin. „Gar nichts. Ich hab gar nichts zu verbergen.“ „Laß mich mal deine Taschen sehen“, sprach Vin und durchsuchte die Taschen von Marc. Triumphierend hielt er eine kleine Tüte Kokain in den Händen.

„Haben wir dir nicht schon tausend Mal gesagt, daß dieses Zeug Gift für dich ist?“ tadelte Vin ihn. „Das geht euch nichts an! Das Koks gehört mir. Her damit!“ forderte Marc. „Nein, das nehme ich besser an mich. Ich werde es für dich entsorgen“, erwiderte Vin, und er steckte die Drogen in seine Tasche. „Was ... was wollt ihr?“ fragte Marc zögernd.

„Er hört sich an, als hätte er Angst vor uns“, bemerkte Buck amüsiert. „Allerdings! Seit wann das denn? Hör zu, Marc: Wir brauchen deine Hilfe. Du kennst doch wirklich jeden in der Verbrecherszene. Und deshalb mußt du uns helfen, jemanden ausfindig zu machen.“ „Ich kenne ... wirklich nicht jeden“, wich Marc aus. „Wer ist Desmond Tiger?“ brachte Vin die Sache auf den Punkt.

Vin und Buck bemerkten, wie Marc sich deutlich versteifte. „Keine Ahnung! Noch nie von ihm gehört.“ „Du lügst!“ stellte Vin fest. „Nein, ich lüge nicht. Jungs, euch würde ich doch nie anlügen“, meinte Marc mit einem gequälten Lächeln. Buck blickte ihm ernst in die Augen. „Du hast Angst vor diesem Tiger. Deshalb willst du uns nicht sagen, wer er ist. Hast du ihn gesehen?“ „Nein. Ihr täuscht euch. Ich kenne so nen Kerl nicht.“ „Was meinst du?“ fragte Buck seinen Kollegen.

„Er erzählt uns nicht alles. Ich habe das Gefühl, er verschweigt uns etwas. Das tust du doch nicht, oder etwa doch?“ fragte Vin herausfordernd. „N ... nein.“ „So recht glaube ich dir nicht. Du kannst mir nicht erzählen, daß du Desmond Tiger nicht kennst; daß du noch nie von ihm gehört hast!“ „Habe ich nicht“, erwiderte Marc. „Rede keinen Blödsinn, Marc“, fuhr Vin ihn scharf an.

„Jeder in der Unterwelt kennt diesen Namen. Du mußt doch den Namen kennen!“ „Nein“, behauptete Marc. „Verdammt, hör auf, mich anzulügen! Ich sehe dir an der Nasenspitze an, daß du lügst. Also, rück raus mit der Sprache: Wo finden wir Tiger?“ „Kann ich euch nicht sagen“, sprach Marc kleinlaut. Buck und Vin tauschten einen wissenden Blick aus. Sie wußten beide, daß Marc – ganz offensichtlich – log. „Du wirst reden. Wir werden dich mitnehmen. Ich bin mir sicher ... Chris wird dich zum Reden bringen“, meinte Vin, und er holte ein paar Handschellen hervor, die er Marc anlegte.

„Hey, was soll das? Ich bin doch unschuldig. Ich habe nichts getan“, sprach Marc entsetzt. „Jetzt kannst du dich offiziell als verhaftet betrachten“, zischte Vin, und er gab Marc einen Stoß. Buck packte Marc am Kragen, und sie schleppten den kleinen Fisch, der Marc eigentlich in dieser drogenverseuchten Welt war, mit sich zu ihrem Wagen. Mit Marc im Schlepptau fuhren sie ins Büro zurück.

„Wo wart ihr denn solange?“ fragte Chris, der gerade mit Josiah etwas besprach. Buck grinste, und gleich darauf ertönte Vins Stimme: „Beweg dich schon, Marc! Wir haben nicht ewig Zeit.“ „Ihr könnt mich nicht festhalten. Das ist gegen das Gesetz.“ Gleich darauf erschien Vin, der ihren Informanten vor sich her schob. „Das ist Marc, unser kleiner Informant, der ganz deutlich etwas verschweigt. Das ist Chris Larabee, das Gesetz“, stellte Vin die Beiden vor. Marc schluckte schwer, als er den starren Blick von Chris bemerkte.

„Ich will hier raus“, flüsterte er. „Es kommt ganz auf dich an, wie lange du hier bleibst.“ „Ich will meinen Anwalt anrufen.“ „Jetzt lügst du schon wieder! Du hast doch gar keinen Anwalt“, sprach Vin. „Was ist den hier los?“ unterbrach Chris das kleine Streitgespräch. „Er hat uns angelogen. Der Kerl behauptet doch ernsthaft, Desmond Tiger nicht zu kennen. Kannst du dir das vorstellen, Chris? Du weißt doch, von welchem Kaliber der Mann ist.“ „Du hast recht. Er muß von ihm gehört haben.“ „Mann, ich habe keine Ahnung, von wem ihr hier sprecht.“ „Ich bringe ihn in den Besprechungsraum“, sprach Vin, und er gab Marc einen unsanften Stoß.

Vier Stunden später

„Noch einmal: Wer ... Ist ... Desmond ... Tiger?“ fragte Chris genervt. Auf dem Tisch vor ihnen standen Tassen voller Kaffee. Marc lehnte sich zurück. „Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wer er ist.“ „Wie lange willst du noch lügen, Marc?“ fragte Vin, und er sah auf, als die Tür aufging und Buck eintrat. Chris und Vin registrierten, wie sich Marc augenblicklich versteifte. Vin nickte Chris unbemerkt zu. Anscheinend hatten sie die Lösung – wie man Marc zum reden brachte – gerade direkt vor ihren Augen.

„Buck, würdest du bitte eine Weile bei ihm bleiben?“ sprach Chris, und er erhob sich. „Klar, doch, Boß! Er kennt mich ja noch von meinem letzten Besuch bei ihm“, meinte Buck. Chris gab Vin ein Zeichen. „Nein“, rief Marc panisch. „Ihr könnt mich nicht mit diesem Verrückten allein lassen.“ „Wieso? Buck ist doch kein Verrückter. Er hat nur wenig Geduld“, meinte Vin schulterzuckend.

„Bitte nicht! Laßt mich nicht mit ihm allein. Ich flehe euch an.“ „Wir sind gleich wieder da. Keine Sorge, er wird dich schon nicht fressen“, meinte Chris, und er verließ mit Vin den Raum. Hinter ihnen fiel die Tür zu. Buck setzte sich grinsend dem Drogensüchtigen gegenüber. Panisch blickte Marc sich um. Er hatte schreckliche Angst vor Buck, das sah man ihm an der Nasenspitze an.

„Na, alter Junge, wie schaut es mit deinen Lügen aus? Fallen dir noch welche ein?“ fragte Buck herausfordernd, und er beugte sich vor. Automatisch versteifte sich Marc, und er rückte mit seinen Stuhl ein Stück nach hinten. „Ich ...“ „Hör mal, Marc: Du erzählst mir jetzt, was du weißt, und ich lasse dich in Ruhe. Du weißt doch: Ich bin unberechenbar.“ „Ich weiß doch nichts.“ Augenblicklich sprang Buck auf, und er war so schnell bei Marc, daß dieser nicht mehr mit dem Schauen nachkam.

Drohend beugte sich Buck herab und legte Marc eine Hand auf die Schulter. „Bürschchen, du steckst in einer schwierigen Lage. Wenn du mir nicht sagst, was ich wissen will, rufe ich deinen Bewährungshelfer an und erzähle ihm, was Vin und ich bei dir gefunden haben.“ „Nein, bitte nicht“, rief Marc panisch. Das Einzige, wovor er noch mehr Angst hatte als vor Buck Wilmington, war das Gefängnis.

„Ich will nicht zurück in den Knast! Ich halte es dort nicht aus.“ „Tja, dann solltest du dich entscheiden. Wir wissen, daß du was weißt. Also, mache es dir leichter und rede darüber. Dann vergessen wir auch, daß wir das Koks bei dir gefunden haben. Du bist doch nur ein kleiner Fisch. Du bist nicht von Interesse für uns. Doch dein Bewährungshelfer interessiert sich schon dafür, was du so in deinen Taschen hast!“ Marc nickte langsam. „Ich weiß nicht viel, aber ... ich werde euch erzählen, was ich weiß.“ „Gut“, sprach Buck, und er klopfte ihm auf die Schulter.

Buck ging zur Tür und öffnete sie. „Chris, er ist soweit.“ „Ich weiß nicht warum, aber dich kann er auf den Tod nicht ausstehen“, meinte Chris, als er den Raum betrat. Vin folgte ihm. „Was weißt du über Desmond Tiger?“ fragte Chris sofort. „Nun ... ich ... ich habe ihn einmal gesehen – von weitem. Er wickelte ein Geschäft ab.“ „Waffen?“ „Ja, er hat eine ganze Ladung an einen Japaner verkauft. Jedenfalls habe ich damals in der herunter gekommenen Halle geschlafen, wo der Deal stattfand. Es war ziemlich dunkel.“ „Wie sah er aus?“ „Groß, dunkelhaarig und sehr furchteinflößend – so wie Buck.“ Chris und Vin blickten Buck an. Dieser grinste nur.

„Ist das alles?“ „Es war mitten in der Nacht und es war dunkel. Ich konnte ihn nicht ganz erkennen. Er hatte so ne Art an sich, die ... äußerst tödlich ist. Das ist alles, was ich weiß. Ich will mit diesem Tiger nichts zu tun haben. Das ist nicht meine Branche. Ich bin doch nur ein kleiner Junkie, der sein Leben für ein paar Gramm Kokain gibt. Desmond Tiger ist mir ein zu hohes und gefährliches Tier.“ Vin tauschte einen Blick mit Chris.

Sie wußten, mehr konnte Marc nicht sagen. Man sah ihm an, daß er nicht mehr wußte. Und selbst diese kleine Information weiter zu geben, löste bei Marc wahre Angstzustände aus. Vin erlöste Marc von den Handschellen. „Kann ich gehen?“ fragte Marc, eingeschüchtert durch Bucks bloße Anwesenheit. Chris nickte. „Ja, doch du solltest für dich behalten, was du uns gesagt hast.“ „Keine Sorge, ich werde es sicher keinem verraten. Wenn die erfahren, daß ich mit den Bullen geredet habe, kriege ich mächtigen Ärger“, murmelte Marc, und er verließ hastig das Büro.

„Groß und dunkelhaarig? Diese Beschreibung trifft auf jeden dritten Mann in Denver zu“, bemerkte Vin. „Stimmt! Aber es ist ein Anhaltspunkt. Buck, was hast du ihm getan, daß er eine solche Angst vor dir hat?“ Buck lachte aus vollem Hals. „Als wir das letzte Mal Informationen brauchten, habe ich Marc aufgesucht. Er wollte zuerst nicht, da bin ich mit ihm durch die Gegend gefahren und habe ihm angedroht, ihn im Hafen zu ertränken, wenn er nicht redet. Er hatte so eine dermaßen große Angst, daß er jedesmal flieht, wenn er mich sieht.“ Chris und Vin lachten. „Gut, daß das FBI nichts von deinen Verhörmethoden weiß“, bemerkte Vin. „Du sagst es“, bestätigte Buck.

„Wie geht es jetzt weiter?“ fragte Vin, und er wurde sofort wieder ernst. „Wir müssen ein Foto von Desmond Tiger beschaffen. Ich kann Ezra doch unmöglich blind da rein schicken.“ „Stimmt! Das Risiko ist viel zu groß. Ich meine, wir könnten an Desmond Tiger vorbei laufen und würden nicht einmal merken, daß er es ist.“ „Eben. Mir gefällt dieser Kerl nicht. Er verhält sich wie ein Phantom.“ „Vielleicht will er in die Geschichte eingehen“, bemerkte Buck trocken. „Los, machen wir uns an die Arbeit“, forderte Chris. Lange Tage und Nächte der Recherche standen Team Seven bevor.

~ 3. ~

Die Schreibtische der Männer von Team Seven versanken im Chaos. Überall lagen leere Pizzaschachteln und ähnliches herum. In den letzten Tagen hatten sie kaum ihr Büro verlassen. Nur am gestrigen Tag waren sie an die frische Luft gekommen, und das auch nur, weil Ezra angerufen hatte, daß sie ihren Auftrag zu Ende führen mußten. So hatten sie sich in ihre Uniformen geworfen und hatten den Kerl, den Ezra entlarven sollte, verhaftet. Dieser Auftrag war nun zu Ende, und jetzt galt es, ihre ganze Aufmerksamkeit auf Desmond Tiger zu richten.

Josiah und Nathan waren an ihren Schreibtischen eingeschlafen. Chris blickte auf die Informationen, die sie zusammen getragen hatten. Es waren nicht sehr viel mehr dazu gekommen, als schon bekannt waren. „Wer bist du, Desmond Tiger?“ flüsterte er und starrte aus dem Fenster des Büros. Draußen regnete es in Strömen. Das grauenhafte Wetter paßte zu der Stimmung im Team Seven, die tief in den Keller gefallen war. Dieser Fall brachte sie schon jetzt an den Rand des Wahnsinns, und dabei hatten sie noch nicht einmal richtig angefangen.

Zur selben Zeit klingelte bei Erin das Telefon. „Ja?“ „Hallo Des“, begrüßte eine bekannte Stimme sie. „Ray! Wie schön, daß du von dir hören läßt. Hast du die letzte Zahlung bekommen, mein Lieber?“ fragte sie schmeichelnd, und sie drehte sich in ihrem Schreibtischsessel hin und her. „Allerdings. Ich ... ich danke dafür. Ich habe Neuigkeiten.“ „Ich höre“, sprach sie interessiert.

„Ich habe erfahren, daß ein Junkie mit Team Seven geredet hat. Er hat ihnen erzählt, er wüßte, wer du bist.“ „Was? Das kann nicht sein!“ fauchte Erin. „Keine Sorge, er hat einen Mann beschrieben.“ Über Erins Lippen huschte ein Lächeln. „Er muß den falschen Desmond Tiger gesehen haben.“ „Ja. Jedenfalls steht Team Seven vor einem ziemlichen Rätsel, was deine Person angeht.“ „Das ist gut. Was ist mit den Fotos von ihnen? Ich will wissen, wie sie aussehen.“ „Ich habe sie hier. Ich werde sie dir faxen.“ „Tue es gleich“, bat Erin ihn in einen Tonfall, der keinen Widerspruch gelten ließ.

Sie hörte, wie sich der FBI-Agent sofort an die Arbeit machte. „Wie schätzt du dieses Team ein?“ fragte Erin. „Sie sind verdammt gut. Um ehrlich zu sein: Sie sind die Besten. Es gab noch keinen Fall, an dem sie gescheitert sind.“ „Tja, irgendwann muß immer das erste Mal sein. Und mich werden sie nicht kriegen.“ Erin blickte zu ihrem Faxgerät, das gerade zu Arbeiten anfing.

„Kommen wir zu diesem kleinen Singvogel zurück. Wer ist er?“ „Sein Name ist Marc. Er ist stadtbekannt. Ein kleiner Fisch, der alles tut für ein paar Gramm Kokain oder Marihuana. Er hat deinen Vorzeige-Desmond bei einem Deal beobachtet.“ „Welcher Deal?“ „Der Deal mit Cho Wang.“ „Oh ... mit Cho Wang, der ja auch leider einen tragischen Unfall hatte, der ihn getötet hat“, flötete Erin fröhlich.

„Jedenfalls ... er hat denen gesagt, er hätte einen Mann gesehen.“ „Ich danke dir. Ich werde mich um das Problem mit Marc kümmern. Er wird nie mehr reden. Er wird dazu keine Möglichkeit mehr haben. Informiere mich weiter über die Arbeit von Team Seven. Woher weißt du all das überhaupt?“ „Das FBI überwacht die Arbeiten, ohne daß die es wissen. Steven Care wartet nur auf eine Möglichkeit, Chris Larabee fertig zu machen. Er mag ihn nicht besonders.“ „Verstehe. Wir sprechen uns wieder“, meinte Erin, und sie legte auf.

Mit einer eleganten Bewegung erhob sie sich und ging zu ihrem Faxgerät. Sie griff nach dem Blatt Papier, das es ausgespuckt hatte, und betrachtete die Fotos der Männer von Team Seven. Einen nach dem anderen musterte sie nachdenklich. Sie wußte, wer Chris Larabee war. Jeder in der Szene wußte, was mit seiner Familie passiert war. Und so gut wie jeder in dieser Szene wußte, WER es getan hatte – jedenfalls die ganz großen Tiere wußten Bescheid. Sie alle amüsierte es, daß man es geschafft hatte, einem solchen Topagenten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die anderen Gesichter prägte sie sich gut ein. Sie speicherte sie in ihrem Gedächtnis. Schon bald würde einer von ihnen vor ihr stehen und sie entlarven wollen. Und wenn es soweit war, würde der nächste Agent sterben. Aber niemand würde es schaffen, sie zu verraten und ihren Geschäften einen Riegel vorzuschieben. Niemals würde sie ins Gefängnis gehen. Achtlos warf Erin das Blatt auf ihren Schreibtisch.

Sie verließ das Büro, da sie noch einen wichtigen Termin hatte. Ihr Privatflugzeug wartete schon auf dem Flughafen. Es stand bereit, sie nach Chicago zu bringen, um einen erfolgreichen Geschäftsabschluß hinter sich zu bringen. Noch wußte Erin nicht, welche Rolle einer der Agenten von Team Seven in ihrem Leben spielen würde. Noch wußte sie nicht, daß einer von ihnen alles durcheinander bringen würde ...

Seufzend lehnte sich Vin zurück und schloß die Augen. Müde legte er seinen Kopf in den Nacken. Chris blickte von seinem Büro zu seinen Leuten. Sie alle waren müde und abgespannt. Sie alle sahen aus, als würden sie gleich tot umfallen. „Leute, fahrt nach Hause und schlaft euch aus“, befahl Chris. „Wir brauchen alle Schlaf. Wir machen morgen weiter. Heute hat das keinen Sinn mehr.“ Das Team murrte nicht einmal, sondern stand auf und verließ das Büro. Sie alle waren froh über diese kleine Pause. Wenig später verließ auch Chris das Büro. Es half ihnen allen nicht, wenn sie bis zur totalen Erschöpfung arbeiteten. Dieser Fall kostete sie alle viel Kraft und noch mehr Nerven.

Fast lautlos glitt die schwarze Limousine über die Straße. Erin lehnte sich zufrieden zurück und besprach mit Oliver ihre weitere Vorgehensweise. „Du wirst hierbleiben“, befahl sie. „Kommst du ohne mich klar?“ fragte er. Erin blickte auf den Mann, der neben ihr saß. „Jordan begleitet mich. Für dich habe ich einen besonderen Auftrag.“ „Um was geht es?“ „Ich will, daß du diesen kleinen Singvogel Marc findest und ihn aus den Verkehr ziehst.“ „Ich habe verstanden. Wenn du wieder da bist, ist der Job erledigt“, versprach Oliver ihr.

„Gut. Richte diesem Singvogel von mir aus ... daß niemand auch nur ein Wort über mich bei den Bullen verliert, ohne daß er damit mit dem Leben bezahlt“, sprach Erin gelassen. „Ich werde es ihm sagen, bevor er stirbt“, lachte Oliver. Die Limousine kam bei einem kleinen Privatflugplatz an. Oliver hielt seiner Chefin die Wagentür auf und begleitete sie zu ihrer Maschine.

„Sollte es Probleme geben, ruf mich an. Ich bin dann so schnell wie möglich wieder hier“, sprach Erin. „Wir kommen schon klar! Die Sache mit Marc ist schon so gut wie erledigt. Er wird keine Gelegenheit haben, noch einmal zu reden.“ „Gut. Und behalte mir Ray ein wenig im Auge. Unser polizeilicher Informant scheint mir in letzter Zeit etwas zu nervös zu sein. Paß auf, daß er uns nicht verrät. In vier Tagen bin ich wieder da“, sprach Erin, und sie stieg in ihr Privatflugzeug ein. Jordan folgte ihr. Wenig später hob die Maschine ab, und Oliver fuhr zurück. Er hatte noch etwas zu erledigen.

Marc verließ die Bar, die er regelmäßig besuchte. Es hatte geregnet, und nur das schwache Licht der Laternen schien über die dunklen Straßen. Langsam ging er die Straße hinunter. In letzter Zeit war Marc äußerst vorsichtig und darauf bedacht, niemandem zu zeigen, daß er Angst hatte. Seit er Team Seven erzählt hatte, was er gesehen hatte, hatte er Angst. Er hatte Angst, daß Desmond Tiger dahinter kam und sich an ihm rächen würde.

Leicht zuckte Marc mit den Schultern, und er bog in eine verlassene Gasse ein, um zu seinem momentanen Schlafplatz zu gelangen. Als er ein leises Geräusch hinter sich hörte, blieb Marc augenblicklich stehen. Er drehte sich um und spähte in die Dunkelheit. „Hallo? Ist da jemand?“ Doch sein Ruf verhallte unbeantwortet in der Finsternis der Straße. Marc schüttelte den Kopf und ging weiter.

Nach wenigen Minuten hörte Marc deutlich Schritte hinter sich. Jemand war da, und er verfolgte ihn. Es war offensichtlich, daß sein Verfolger ihn spüren lassen wollte, daß er nicht länger allein war. Panik packte Marc, und er ging schneller. Sein Verfolger hielt jedoch mit ihm Schritt. Marc fing am ganzen Körper zu zittern an und blickte sich panisch um. Er wußte, da war jemand, doch Marc konnte niemanden entdecken, wenn er sich umblickte.

Und dann wurde alles still, und die Schritte waren nicht mehr zu hören. Ich muß hier weg, dachte Marc, und von seiner Angst gepackt rannte er los. An der nächsten Seitengasse packte ihn jemand brutal am Kragen und zog ihn in die Dunkelheit. Er wurde gegen die Mauer einer leerstehenden Lagerhalle geworfen und glitt zu Boden.

Marc tastete nach einer offenen Wunde, die er an der Stirn hatte. Blut rann leicht über sein Gesicht. Benommen blickte er auf. Ein Mann baute sich vor ihm auf. In der Dunkelheit konnte Marc sein Gesicht nicht erkennen. „Wer ... wer bist du?“ stammelte Marc ängstlich. „Desmond Tiger schickt mich“, erwiderte der Mann mit rauher Stimme. Marc zuckte zusammen. Desmond Tiger hatte also erfahren, daß er geredet hatte. Das ist mein Todesurteil, dachte Marc, und er schluckte schwer.

„Ich habe eine Nachricht für dich, mein kleiner Singvogel“, sprach Oliver gefährlich. Er blickte auf den Drogensüchtigen hinab und ein kaltes, gefährliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Niemand verliert ein Wort über Desmond Tiger bei den Cops, ohne dafür mit dem Leben zu bezahlen“, sprach Oliver, und er richtete eine Waffe auf Marc.

Im schwachen Schein einer Straßenlaterne blickte Marc entsetzt auf die Waffe. Panisch riß er die Augen auf. Ihm war klar, daß er diese Nacht nicht überleben würde. „Gute Nacht, Marc! Du wirst nie mehr mit der Polizei sprechen“, sprach Oliver, und er drückte ab. Die Kugel traf präzise ihr Ziel und der tote Körper von Marc glitt zu Boden.

Oliver blickte sich um, um sich zu vergewissern, daß niemand ihn beobachtet hatte. Erin legte großen Wert darauf, daß niemand ihre Geschäfte störte. Und Oliver sorgte dafür, daß dies auch so geschah. Achtlos steckte er die Waffe zurück in den Halfter und verschwand. Er ließ die Leiche einfach liegen. Ohne es ausgesprochen zu haben, wußte Oliver, daß Erin wollte, daß die Polizei Marcs Leiche fand. Es war ein eindeutiges Zeichen. Es war ein Zeichen, um Team Seven zu zeigen, was mit Leuten passierte, die zuviel erzählten ...

~ 4. ~

„Marc ist tot?“ fragte Buck ungläubig. Vin nickte und reichte seinen Kollegen die Fotos der Leiche. Chris schaute sie sich grimmig an. „Es ist offensichtlich, daß er von Desmond Tiger oder einem seiner Leute ermordet wurde. Jemand wollte ihn zum Schweigen bringen.“ „Oder man wollte ihn bestrafen, weil er mit uns geredet hat“, stellte Vin fest. Chris blickte seinen Scharfschützen wissend an.

„Das würde bedeuten ...“ „Daß jemand weiß, daß Marc mit uns geredet hat. Jemand gibt Informationen über unsere Arbeit an Desmond Tiger weiter“, sprach Vin ernst. Chris nickte zustimmend. „Das heißt, es gibt einen Maulwurf? Aber wer würde das tun? Wir würden doch niemals unsere eigenen Leute verraten?“ mischte sich Nathan ein.

„Es gibt einen Maulwurf beim FBI. Die Agenten, die früher an Desmond Tiger dran waren, waren alle vom FBI. Die haben dort einen Verräter.“ „Aber wie können die ...?“ Vin stockte inmitten seines Satzes und blickte Chris an. „Das würde doch bedeuten, daß sie unsere Arbeit überwachen, oder?“ Chris nickte und stöhnte verächtlich. „Das würde ihnen ähnlich sehen. Aber die überwachen nicht euch, sondern mich. Steven Care will einen Grund, um mich fertig zu machen. Doch ich werde ihm keinen liefern. Wir werden diesen Fall lösen und Desmond Tiger verhaften“, sprach Chris entschlossen, und er ließ seine Leute allein.

Die Tür seines Büros schloß sich hinter ihm. „Der arme Junge“, murmelte Buck. „Wer? Chris?“ fragte Ezra verwirrt. „Nein, Marc. Ich mochte den Kleinen. Das hatte er nicht verdient. Ich mochte ihn. Einen solchen Tod hatte Marc nicht verdient“, sprach Buck betroffen. Marc war nur ein kleiner Fisch gewesen und nun war er tot. Er war getötet worden, weil er etwas erzählt hatte, was ihm das Leben gekostet hatte. Mit Desmond Tiger war wirklich nicht zu spaßen. Und nach diesem Vorfall war das jedem bei Team Seven klar.

Vier Tage später

Ihre Geschäfte in Chicago hatten etwas länger gedauert als erwartet. Doch nun war Erin wieder da. Oliver hatte ihr die Zeitung gereicht, wo über die Ermordung von Marc berichtet wurde. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie las, daß die Polizei um die Mithilfe der Bevölkerung bat. „Das ist ein sinnloses Unterfangen“, sprach sie. „Er wurde in einer Gegend getötet, wo niemand redet.“ „Allerdings! Aber keine Sorge! Mich hat niemand gesehen“, sprach Oliver, und er hielt den Wagen an einer Kreuzung.

„Wie waren die Geschäfte?“ „Gut, es ist alles in Ordnung. Was ist mit Ray? Hast du ihn im Auge behalten?“ Oliver nickte leicht als er abbog. „Ich habe auf ihn aufgepaßt, keine Sorge, Erin. Er ist, wie du selbst sagtest, etwas nervös. Ich schätze, daß dieses Team Seven nun auf uns angesetzt wurde, macht ihn so unruhig. Er hat Angst, daß er auffliegt. Immerhin versorgt er uns seit Jahren mit den Informationen über die Polizei.“ „Ich sollte ihm eine kleine zusätzliche Finanzspritze zukommen lassen“, überlegte Erin laut.

„Soll ich das veranlassen?“ „Ja, überweise ihm hunderttausend Dollar. Das wird ihn hoffentlich friedlich stellen und ... achte weiter auf ihn. Sollte Ray doch noch zum Problem werden, dann töte ihn“, befahl Erin,und sie lehnte sich zurück. Sie schlug die Zeitung auf und konzentrierte sich darauf, während Oliver durch die Stadt zu ihrem Anwesen fuhr.

Das Klopfen an seiner Bürotür ließ Chris aufsehen. „Ja?“ Gleich darauf ging die Tür auf und Vin betrat das Büro. „Hast du kurz Zeit?“ Chris nickte leicht. Vin schloß die Tür hinter sich und ging zum Fenster, wo er nachdenklich hinaus blickte. „Was denkst du über diesen Maulwurf?“ fragte Vin schließlich. „Irgend jemand versorgt Desmond Tiger mit Informationen über die Handlungen der Polizei, dazu schließe ich uns auch ein. Es gibt einen Verräter“, sprach Chris ernst.

„Denkst du nicht, daß es dann zu gefährlich ist, einen von uns da rein zu schicken? Wenn Desmond Tiger über jeden einzelnen Schritt des FBIs und auch von uns Bescheid weiß, dann wird er Ezra sofort erkennen.“ „Du hast recht“, murmelte Chris. „Hast du einen Plan?“ „Leider nein. Ich mache mir Sorgen um Ezra. Er ist tot, wenn er jetzt rein geht“, sprach Vin sachlich.

„Wir müssen den Verräter ausfindig machen“, sprach Chris. Vin nickte zustimmend. „Okay, sag J.D. und Nathan, sie sollen sich ein wenig umhören. Sie sollen den Maulwurf finden und entlarven. Und der Rest von uns ... arbeitet an der Sache mit Desmond Tiger weiter“, entschied Chris. Vin nickte leicht. Mit dieser Entscheidung seines besten Freundes hatte er schon gerechnet.

Chris machte sich genauso viele Gedanken über diese Sache wie er selbst. Desmond Tiger war ein überaus gefährlicher Mann. Da so wenig über ihn bekannt war, stellte jeder von Team Seven sich die Frage, wie man diesen Mann entlarven sollte. „Es ist der schwerste Fall, den wir jemals übernommen haben“, murmelte Vin. „Es ist eine verfahrene Situation, Vin. Ehrlich gesagt, habe ich so meine Zweifel, daß dieser Fall so glatt ablaufen wird, wie das FBI sich das vorstellt.“ „Das sind doch Flaschen“, sprach Vin und drehte sich zu Chris um.

„Die arbeiten seit Jahren daran und haben ihn nicht verhaften können. Sie haben in den letzten Jahren nur einige Agenten verloren. Du kennst doch das FBI! Uns wollen sie weismachen, wie leicht lösbar dieser Auftrag ist, aber sie haben in den letzten Jahren nichts getan, um Desmond Tiger ausfindig zu machen. Also, reg dich nicht darüber auf. Wenn jemand diesen Kerl in die Finger kriegt, dann wir. Wir werden ihn finden und aus dem Verkehr ziehen“, sprach Vin, nun schon optimistischer.

Chris lehnte sich leicht in seinen Stuhl zurück. „Wenn wir diesen Kerl nicht kriegen ... wer dann, Vin? Schon alleine, um den FBI zu zeigen, wie gut wir sind, werden wir nicht versagen.“ „Denkst du wirklich, die warten darauf, daß du einen Fehler machst?“ wechselte Vin das Thema. Chris nickte bejahend. „Allerdings. Steven Care ist ... ein alter Bekannter. Er konnte mich noch nie leiden.“ „Warum? Was hast du ihm getan?“ fragte Vin nach.

Ein leises Seufzen entrang sich aus Chris‘ Kehle. Sein Blick glitt zu dem Fotorahmen, der auf seinen Schreibtisch stand. Für einen Moment überkam ihn der Schmerz über den grausamen Tod seiner Familie aufs Neue. Dann schüttelte er leicht den Kopf und blickte Vin an. „Steven Care war der Agent, der damals an der Ermordung meiner Familie gearbeitet hat. Er sollte den Fall lösen. Ich bin mit ihm zusammen gekracht, weil ich ihm vorgeworfen habe, daß ihn die Auflösung dieses Mordes nicht sonderlich interessiert. Er drohte mir mit Gefängnis und sonstigem, weil ich mich einmischen wollte“, erzählte Chris.

„Als er den Fall nicht lösen konnte, wurde er zu den Akten gelegt und Care hat nichts dagegen unternommen. Es war ihm völlig egal!“ „Hast du ihn verprügelt?“ Chris zuckte leicht mit den Schultern. „Ich wollte es tun, aber seine Kollegen vom FBI haben mich daran gehindert. Wäre ich mit diesen schmierigen FBI-Kerl allein gewesen, hätte er mehr als ein blaues Auge davon getragen.“ „Verstehe! Er hat sich nie besonders angestrengt, oder?“ „Nein, hat er nicht. Im Gegenteil: Er hat die Ermordung meiner Familie dafür benutzt, um auf der Karriereleiter weiter nach oben zu gelangen. Er war nie an der Auflösung interessiert, sondern immer nur daran, wieviel ihm dieser Fall für seine verdammte Karriere nutzt“, sprach Chris abfällig.

„Er beobachtet dich also, um einen Grund zu finden, weshalb du gefeuert werden sollst?“ „Genau aus diesem Grund überwacht das FBI unsere Arbeit. Dieser Fall ist immens wichtig, Vin. Das FBI würde einen schlechten Ruf bekommen, wenn wir Desmond Tiger finden und sie es nicht geschafft haben, obwohl sie seit Jahren an diesen Fall arbeiten. Das würde das Ego des FBIs nicht verkraften“, meinte Chris und zuckte leicht mit den Schultern.

„Irgendwann, Chris, wird man die Mörder von Sarah und Adam finden. Man wird diesen Fall eines Tages lösen“, sprach er aufmunternd. Chris erhob sich und blickte aus dem Fenster seines Büros. „Ich weiß nur nicht, ob ich solange warten kann. Ich will, daß diese Ungewißheit endlich vorbei ist, Vin. Ich will dem Mörder meiner Frau und meines Sohnes endlich in die Augen sehen“, sprach er leise.

Vin klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Das wirst du. Du brauchst nur noch etwas Geduld“, versprach er seinem Boss, und er ließ ihn allein. Die Ermordung seiner Familie nagte noch sehr an Chris. Er hatte es nie überwunden – bis heute nicht. Und jeder aus dem Team wußte, Chris würde nicht eher ruhen, bevor er die Mörder von Sarah und Adam Larabee nicht gestellt und zur Verantwortung gezogen hatte.

Zwei Stunden später

Das Telefon im Büro von Erin klingelte. Mit einen Blick darauf sah sie, daß es ihre neutrale Leitung war. Sie hatte mehrere Telefonleitungen – aus Sicherheitsgründen. „Gillian McNeal“, meldete sie sich. „Mein Name ist John McFadden, ich arbeite beim U.S. Marshall Service. Ms. McNeal, Ihr Name taucht in der Akte von Justin Rosmond auf“, sprach der Mann am anderen Ende der Leitung.

Ein plötzlicher Schock fuhr durch Erin. Sie schluckte schwer. Instinktiv wußte sie, warum der U.S. Marshall Service anrief. „Das kann sein“, sprach sie so gelassen wie möglich. „Wir rufen an, da Sie der einzige Besucher in den letzten Jahren von Justin Rosmond waren. Da seine Tochter nicht mehr lebt, scheinen Sie ihm am nächsten zu stehen.“ „Ich war eine gute Freundin seiner Tochter, die vor langer Zeit verstorben ist. Hat er Ihnen das nicht gesagt?“ „Nein, er redet grundsätzlich nicht mit uns. Aus den Besucherlisten des Gefängnisses sehe ich, daß Sie ihn ab und zu besucht haben, richtig?“ „Ja, das stimmt“, sprach Erin.

„Seine Tochter war eine meiner besten Freundinnen, und ich dachte, ich schaue ab und zu nach ihrem Vater“, meinte Erin. „Nun, dann kann ich Ihnen ja sagen, daß Justin Rosmond am Freitag in einer Woche um eine Minute nach Mitternacht hingerichtet wird.“ „Was?“ rief Erin heftiger als beabsichtigt. Sie hatte es geahnt, doch nun war ihre Ahnung bestätigt worden.

„Ja, er wird hingerichtet. Er sitzt seit achtzehn Jahren in der Todeszelle und ...“ „Ich weiß, wie lange er schon sitzt“, zischte Erin. „Nun, er hatte in den letzten Jahren nicht viel Besuch und wenn Sie dabei sein wollen ...“ „Ich danke Ihnen, daß Sie mir das mitgeteilt haben. Auf Wiedersehen“, sprach Erin, und sie beendete das Gespräch abrupt. Ihre Hand zitterte als sie den Hörer zurück auf die Gabel legte.

In diesem Moment ging die Tür auf und Oliver trat ein. „Erin, es ...“ „Nicht jetzt, Oliver! Ich will jetzt nicht gestört werden“, sprach sie und wies ihn ab. Oliver blickte seine Chefin einen Moment an, dann fügte er sich ihr und ließ sie allein. Erin starrte auf die Oberfläche ihres Schreibtisches und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Nun war es soweit. Man würde ihren Vater hinrichten. Nach achtzehn Jahren würde man Justin Rosmond wegen vorsätzlichen Mordes an mehreren Polizisten und Zivilisten töten. Erin war zehn gewesen, als die Polizei ihr Haus gestürmt und ihren Vater verhaftet hatte. Erst damals hatte sie wirklich erfahren, daß ihr Vater einer der größten Bosse der Unterwelt war. Doch für seine Verbrechen hatte man ihn endlich aufgespürt und verhaftet.

Justin hatte seinen Geschäftspartner Vincent Cook angeordnet, sich um seine Tochter zu kümmern. Gemeinsam mit Vincent hatte Justin beschlossen, einen Autounfall vorzutäuschen, um Erin vor der Polizei zu schützen. Seit Jahren war Erin für die Polizei tot. Nur ab und zu besuchte sie ihren Vater im Gefängnis unter der Tarnung einer Freundin. Insgeheim hatte sie immer gehofft, daß ihm eines Tages die Flucht gelingen würde. Doch nun war es soweit. Ihr Vater würde sterben. Man würde ihn für seine Verbrechen hinrichten.

Erin verließ ihr Büro und ging zu ihrem Schlafzimmer. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihren Vater. Justin Rosmond war der einzige Mensch, der ihr wirklich etwas bedeutete. Und erst als man ihm Handschellen angelegt hatte, hatte sie verstanden, was er wirklich tat. Erin hatte nie etwas anderes gelernt als das, was sie nun tat. Sie war in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Doch nun würde man ihn hinrichten. Nach achtzehn Jahren sollte Justin Rosmond mit der Giftspritze getötet werden und die Angehörigen seiner Opfer sollten endlich Genugtuung erfahren.

~ 5. ~

„Du hättest nicht herkommen sollen“, sprach Justin Rosmond am nächsten Tag im Besucherraum des Bundesgefängnisses. Erin lächelte schwach. „Ich wollte dich noch einmal sehen.“ „Du weißt es also?“ stellte Justin sachlich fest. Erin nickte leicht. „Ja, ich weiß es. Wieso bist du nie ausgebrochen? Du könntest noch immer fliehen. Ich könnte dir dabei helfen“, sprach sie leise.

Justin blickte sie einen Moment ruhig an, dann lächelte er. „Nein“, sprach er. „Wir wußten beide, daß dieser Tag kommen würde. Ich will, daß du nach diesem Besuch nicht mehr wieder kommst. Bleib zu Hause, wenn sie mich hinrichten“, sprach Justin. Heftig schüttelte Erin den Kopf. „Nein, das kann ich nicht. Ich will bei dir sein ... wenn du deinen letzten Weg gehst.“ Justin lächelte leicht. Seine Tochter war schon immer stur und eigensinnig gewesen.

Er beugte sich leicht vor. „Nein, Erin“, flüsterte er. „Ich will nicht, daß du dabei bist. Du hast dein eigenes Leben; deine eigenen Geschäfte. Du weißt doch? Für mich lebt meine Tochter schon lange nicht mehr.“ „Du hieltest die Vortäuschung meines Todes für eine gute Idee“, warf sie ihm vor. „Das tue ich noch heute. Es war die einzige Möglichkeit, um dich vor der Polizei und vor meinen Feinden zu schützen. Immerhin bist du die Tochter eines der größten Bosse der Unterwelt“, sprach er.

Schweigend blickten sie sich an. Justin sah ihr an, daß es ihr nicht leicht fiel. Er streckte die Hand aus und berührte sie leicht an der Wange. „Keine Berührungen“, sprach der Aufseher aus seiner Ecke sofort. Justin verdrehte die Augen und zog seine Hand wieder zurück. Traurig blickte Erin ihren Vater an. „Wie laufen deine Geschäfte?“ fragte er. Er wußte, wer sie war, und er war stolz darauf, daß sie die Polizei so auf Trab hielt und wie ein Phantom ihre Geschäfte erledigte.

„Sie laufen gut. Laß mich dich hier rausholen“, bat sie. Justin schüttelte leicht den Kopf. „Nein! Ich werde diesen Weg gehen, mein Kind. Ich werde ihn allein gehen. Doch denk immer daran: Du bist meine Tochter. Ich bin stolz auf dich und ich liebe dich. Lebe dein Leben so weiter wie bisher. Du hast meinen Platz eingenommen und das freut mich. Doch du solltest jetzt gehen“, sprach er, und Erin wußte, er schickte sie für immer fort.

Wenn sie ging, würde sie ihn nie wiedersehen. „Ich liebe dich, Dad“, flüsterte sie. „Ich weiß. Sei nicht traurig! Das ist nicht die Chefin eines Großunternehmens, die ich kenne. Vergiß nicht, wer du bist. Geh und führe deine Geschäfte fort. Dich wird die Polizei niemals kriegen! Du bist zu gut für sie. Und das macht mich stolz.“ Erin blickte ihrem Vater ein letztes Mal in die Augen, dann stand sie auf und ging. Als sie ihm den Rücken zuwandte, wußte Erin, wenn sie das nächste Mal von ihm hörte, würde man über den Tod von Justin Rosmond berichten.

Als Gillian McNeal verließ sie das Gefängnis. Sie war allein gekommen. Diesen Weg hatte sie allein gehen wollen. Außerdem würde Oliver nur auffallen. Im Gefängnis kannte jeder sie nur als eine normale, junge Geschäftsfrau. Sie spielte mit jedem ein perfektes Katz- und Mausspiel. Erin blieb einen Moment stehen, als sich die Tore des Gefängnisses hinter ihr schlossen. Sie blickte nicht zurück. Sie hatte es ihrem Vater versprochen. Es sollte ihr letzter Besuch sein – ihr allerletzter.

Sie spürte, wie Tränen in ihre Augen traten. Für die Welt war Justin Rosmond nur ein Verbrecher, der hingerichtet gehörte. Doch für sie war er in allererster Linie ihr Vater. Ein leichtes Zittern ging durch ihren Körper. Sie hatte diesen einen Augenblick – die Hinrichtung ihres Vaters – immer gefürchtet. Solange er im Gefängnis saß, hatte sie immer gewußt, daß er noch lebte. Doch jetzt ... schon bald würde ihr Vater sein Leben verlieren.

Erin straffte ihre Schultern und ging die Straße hinunter. Sie hatte ihren Wagen nicht direkt vor dem Gefängnis geparkt, sondern am Ende der Straße. Eine einzelne, kleine Träne löste sich von ihrem Auge und rieselte die Wange hinab. Insgeheim nahm sie schon jetzt Abschied von ihrem Vater. Erin war so sehr in ihre trüben Gedanken versunken, daß sie nicht den Mann bemerkte, der um die Ecke bog.

Vin sah nur noch einen Schatten, dann wurde er auch schon angerempelt und der Karton, den er in seinen Händen trug, glitt zu Boden. Oh nein, dachte er, als der Karton auf die Erde schlug und sich der Inhalt auf der Straße verstreute. „Können Sie nicht aufpassen?“ zischte er, und er bückte sich hastig nach den Unterlagen, die auf dem Gehweg herumlagen. In dem Karton befanden sich alte Akten, die er sich über einen Freund bei der Polizei verschafft hatte. Es waren die Akten vom Waffenhandel aus den letzten zehn Jahren. Vielleicht fand Team Seven etwas in diesen Akten, was ihnen weiterhalf, Desmond Tiger zu identifizieren.

Wütend blickte Vin auf. Doch seine Wut verrauchte sofort als sein Blick die langen Beine hinauf glitt und an einem überaus hübschen Gesicht hängen blieb. Erin erkannte den Mann sofort. Er war Mitglied bei Team Seven. Ray hatte ihr von allen Agenten Fotos zukommen lassen und dieser hier war auch darunter gewesen.

Doch an seinem Blick erkannte sie sofort, daß er keine Ahnung hatte, wer sie war. Woher hätte er das auch wissen sollen? Niemand bei der Polizei kannte ihre wahre Identität. Aus diesem Grund konnte dieser Agent auch nicht wissen, daß gerade Desmond Tiger vor ihm stand. Er sah in ihr nur eine hübsche, junge Frau. Er schöpfte keinen Verdacht, das sah sie ihm an.

Vielleicht nützt er mir noch, dachte sie und beschloß, auf dieses Spiel – dessen Regeln sie bestimmte – einzugehen. Vielleicht konnte ihr dieser Agent noch helfen, ohne es zu wissen. Sie setzte ein kleines Lächeln auf und schluckte ihre Niedergeschlagenheit hinunter. Ihre Traurigkeit war sofort vergessen, und sie kümmerte sich wieder um die Dinge, die im Moment wichtig waren. Ihr Vater würde genau dasselbe tun und diese Reaktion auch von ihr erwarten.

„Tut mir leid. Ich habe nicht aufgepaßt“, entschuldigte sie sich. „Kein Problem“, sprach Vin, und er erwiderte ihr Lächeln. Männer! Sie sind doch alle gleich, dachte Erin. Vin erhob sich und reichte ihr die Hand. „Mein Name ist Vin Tanner“, stellte er sich vor. „Gillian McNeal“, erwiderte Erin. Sein Händedruck war warm, aber fest. Sein Körper strahlte eine angenehme und vertraute Wärme aus. Doch Erin ließ sich davon nicht beeinflussen.

Immerhin war dieser Mann Agent. Er war hinter ihr her, ohne es zu wissen. Und sie war gerade dabei, ihn in dieses kleine Spiel mit ein zu beziehen. Er nützte ihr lebend sicher mehr als tot. Also konnte sie ihn ruhig benutzen und so noch mehr über Team Seven herausfinden und ihre Aktivitäten, wie sie sie schnappen wollten. Dadurch war sie ihren Verfolgern noch einen Schritt voraus.

„Ich hoffe, Sie haben sich nicht weh getan“, sprach Vin. „Nein. Ich habe Sie einfach nicht gesehen, Mr. Tanner. Tut mir leid“, sprach sie. „Es ist ja nichts geschehen“, erwiderte Vin, und er hob den Karton auf. Warum habe ich es ausgerechnet jetzt so eilig? dachte er. Erin sah ihm an, daß er sie gerne näher kennenlernen wollte. „Sagen Sie, Mr. Tanner, haben Sie Zeit für einen Kaffee? Sie sind auch eingeladen“, sprach sie mit einem Lächeln.

„Tut mir leid. Ich habe im Moment keine Zeit“, meinte Vin zerknirscht. Daran ist nur Chris‘ Schuld! Immerhin hetzt er mich ja so durch die Gegend, weil er diese verdammten Akten haben will, dachte Vin spöttisch. „Oh ... schade! Aber ... wie wäre es zu einen späteren Zeitpunkt?“ schlug sie vor. „Nun, wenn Sie mir sagen, wo ich Sie erreiche ... rufe ich sicher an“, sprach Vin mit einen kleinen Lächeln.

Erin holte eine Karte aus ihrer Handtasche und reichte sie ihm. „Rufen Sie mich an! Ich bin jederzeit erreichbar“, sprach sie und ging an ihm vorbei. Vin blickte ihr nach. Er beobachtete ihren eleganten Gang ... es war, als würde sie schweben. Sie blieb bei einem schwarzen BMW stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um. Sie schenkte ihm ein leichtes Lächeln und stieg in ihren Wagen ein. Wenig später war sie auch schon verschwunden.

Seufzend blickte Vin den Wagen nach, dann machte er sich wieder auf den Weg. Immerhin lag noch Arbeit vor ihm. Eine Traumfrau, dachte er, als er bei seinen Dienstwagen angekommen war. Er verstaute den Karton im Kofferraum und blickte auf die Karte, die seine neue Bekanntschaft ihm gegeben hatte. Die Karte wies sie als Immobilienmaklerin aus. Vin steckte die Karte in seine Hosentasche und setzte sich hinter das Steuer. Träumen konnte er später auch noch ...

„Na endlich! Wo warst du denn solange?“ sprach Buck, als Vin das Büro betrat. „Tut mir leid, ich bin kein Schnellzug“, spottete Vin, und er stellte den Karton auf den nächstbesten Tisch ab. „Ist der Karton voller Akten?“ „Ja, was denkst du denn?“ gab Vin zurück. Chris kam gerade aus dem Büro und registrierte Vins Ankunft mit einen kurzen Nicken. „Sind das alle Akten?“ fragte er. „Ja, Chef, sind sie, und wenn du mich heute noch mal los schickst, jage ich dich zum Teufel“, sprach Vin.

Chris sah über den bissigen Kommentar hinweg und teilte seine Leute ein. „Nehmt euch alle ein paar Akten und geht sie durch. Ich bezweifle zwar, daß wir wirklich etwas Brauchbares finden, aber man weiß ja nie. Vielleicht haben wir ja Glück“, sprach er. Seine Männer nickten und stellten sich auf einen langen, nicht endenwollenden Abend ein. Grimmig wurde auch Vin das klar. Dann kann ich mir heute Abend ein Date mit dieser schönen Lady abschminken, dachte er kopfschüttelnd.

„Ähm ... Chris, kann ich dich kurz sprechen?“ meinte Vin. „Was ist los?“ fragte Chris sofort, der bemerkte, daß Vin etwas auf der Seele lag. „Brauchst du mich heute lange?“ fragte Vin unschuldig nach. „Eigentlich kann ich keinen einzigen von euch entbehren. Wieso fragst du? Hast du noch etwas vor? Wenn ja, sage es ab“, sprach Chris, und er nahm ein paar Akten an sich. „Chris, es ist so ...“, begann Vin. „Ich habe vor einer guten Stunde jemanden kennen gelernt. Wir reden hier nicht von einer normalen Frau, sondern von einer wahren Schönheit. Ich würde heute Abend gerne ...“ Chris blickte seinen Scharfschützen an und nickte wissend.

„Du kannst um zehn Uhr abhauen“, sprach er. „Dies ist eine Ausnahme, da ich weiß, daß du nicht viele Verabredungen hast“, meinte er und ging in sein Büro. „Das war ja leichter, als ich dachte“, flüsterte Vin verwundert. „Du hast ein Date?“ fragte Buck neugierig. „Ja ... jedenfalls hoffe ich das“, sprach Vin, und er ging zum nächsten Telefon. Er zog die Karte heraus, die Erin ihm gegeben hatte, und wählte die Nummer, die darauf abgedruckt war.

Oliver besprach mit Erin gerade eines ihrer Geschäfte als das Telefon klingelte. „Oliver, gehst du bitte ran?“ sprach sie, während sie sich einige Berichte durchlas. Dieser nickte und blickte kurz auf den Apparat, um zu sehen, auf welcher Leitung der Anruf rein kam. Dann hob er ab. „Maklerbüro Gillian McNeal, was kann ich für Sie tun?“ sprach er. Erin hob den Kopf als er ihren falschen Namen nannte.

„Hier spricht Vin Tanner. Ich möchte gerne mit Gillian sprechen“, meinte der Agent. „Einen Moment“, sprach Oliver, und er hielt eine Hand auf die Muschel. „Vin Tanner“, flüsterte er und reichte Erin den Hörer. Erin hatte ihm kurz erzählt, was vorgefallen war, und ihr Plan, Vin Tanner für ihre Zwecke zu benutzen, war genial. Welcher Mann würde bei einer so bezaubernden Frau wie Erin auch Verdacht schöpfen? Nicht einmal ein Agent würde es merken, wenn sie ihm nicht die Wahrheit offenbaren würde. Und das würde kein Polizist oder Agent überleben.

„Gillian McNeal“, sprach Erin, und sie deutete Oliver mit einer Handbewegung an, daß sie allein sein wollte. Er nickte leicht und verließ das Büro. „Hier ist Vin Tanner. Wir haben uns vor einer Stunde kennen gelernt.“ „Ich dachte nicht, daß es so schnell geht, Mr. Tanner.“ „Hören Sie: Ich kann um zehn Uhr hier weg. Wenn Sie dann noch Lust haben ...“ „Natürlich habe ich Lust! Was halten Sie von der Bar ‘Nights of Five‘?“ „Klingt gut! Ich kann um halb elf dort sein.“ „Gut, ich werde auf Sie warten“, sprach Erin, und sie legte auf.

„Deinem Lächeln nach zu urteilen ... hast du dein Date?“ sprach Nathan. Vin nickte leicht und nahm neben Ezra mit einigen Akten Platz. „Allerdings! Und während ihr bis tief in die Nacht diese Akten durchsucht, werde ich mich um halb elf mit einer wunderschönen Frau treffen“, sprach Vin grinsend, und er vertiefte sich in die erste Akte, die er zur Hand hatte. Seine Freunde stöhnten leicht und murmelten etwas von „Das ist nicht fair“, aber sie beschwerten sich nicht weiter. Und Vin durchkämmte voller Vorfreude die Akten.

„Glaubst du, er wird jemals etwas merken?“ fragte Oliver, der auf Erins Ruf wieder das Büro betreten hatte. „Niemals! Männer sind doch alle gleich. Vin Tanner hat keine Ahnung, daß er heute ein Date mit Desmond Tiger hat. Und ich gedenke, es dabei zu belassen. Aber der Junge kann uns noch nützlich werden! Durch ihn erfahre ich, was Team Seven genau gegen mich unternimmt.“ „Und dadurch wirst du noch unerreichbarer, als du es schon bist“, sprach Oliver.

Erin nickte leicht. „Genau. Ich benutze Vin Tanner für meine Zwecke. Und wenn ich ihn nicht mehr brauche, dann töte ich ihn einfach und schicke seinen Freunde seine Leiche“, sprach sie gelassen mit einen leichten Grinsen. „Er wird mir blind vertrauen, und durch ihn werde ich alles erfahren, was Ray uns nicht mitteilen kann – weil er es nicht weiß. So habe ich zwei Informationsquellen bei der Polizei. Der Unterschied zwischen den Beiden ist nur ... daß der Eine es freiwillig macht und der Andere keine Ahnung davon hat, daß ich ihn für meine Zwecke mißbrauche“, sprach Erin, und sie lehnte sich in ihrem Polstersessel zurück. Die nächsten Wochen dürften äußerst interessant werden, dachte Erin. Vin hatte keine Ahnung, auf welch gefährliches Spiel er sich da einließ ...

~ 6. ~

Lokal „Nights Of Five“,
22: 30 Uhr

Erin hatte sich für diesen Abend zurecht gemacht, um den Agenten auch richtig zu betören. Sie hatte ihr langes Haar zu einem Knoten im Nacken gebunden. Erin hatte sich für ein dunkelrotes Abendkleid entschieden, das ihr bis zu den Knien reichte und schulterfrei war. Dazu trug sie eine schwarze Stola. Geduldig saß sie am Tresen der Bar und wartete. Sie brauchte sich keine Sorgen machen. Erin wußte, daß er kommen würde.

Vin strich sich noch einmal durch sein kurzes Haar und betrat dann die Bar. Er blickte sich suchend um. Sein letztes, richtiges Date war schon einige Jahre her, und er war etwas aus der Übung, was das betraf, aber er freute sich auf den Abend. Welcher Mann würde sich auch nicht auf einen Abend mit einer solch schönen Frau freuen?

Das Lokal war um diese Zeit gut besucht. Vins Blick glitt über die Menge, und dann sah er sie. Sie saß lässig an der Bar und nippte an einem Cocktail. Vin atmete noch einmal tief durch und bahnte sich dann einen Weg durch die Menge. Erin sah ihm entgegen und schenkte ihm ein Lächeln. „Tut mir leid – wegen der Verspätung, aber ...“, begann Vin. „Kein Problem“, erwiderte Erin.

„Ich bin noch nicht so lange hier.“ Vin setzte sich auf den Barhocker neben ihr und bestellte sich ein Bier. „Zuerst ... sollten wir auf das Du anstoßen“, schlug Erin vor. „Gerne.“ „Sag mir, Vin, was arbeitest du? Wer arbeitet um diese Zeit auch noch?“ „Ich ... bin Agent“, sprach Vin zögernd. Er wußte aus eigener Erfahrung, wie Frauen darauf reagierten. Das war auch der Grund, warum er es bei der ersten Verabredung nicht so gerne erzählte.

„Oh ... Agent! Und wo arbeitest du?“ „Ich bin Mitglied eines Teams der ATF“, teilte er mit. „Wow! Das klingt ja spannend“, sprach Erin unwissend. „Dagegen ist mein Leben ja äußerst langweilig. Was tue ich schon als Imobilienmaklerin?“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Trägst du auch eine Waffe?“ „Ja.“ „Und wofür seid ihr zuständig?“ „Alkohol-, Tabak- und Waffenschmuggel ... hauptsächlich. Ich darf nicht zuviel verraten.“ „Verstehe! Geheime Operationen“, lächelte Erin.

„So ungefähr“, lachte Vin. Erin betrachtete sein Profil. Für einen Agenten, der hinter ihr her war, war er ja recht niedlich. Er sah gut aus, aber er war nicht der einzige gutaussehende Agent, der ihr begegnet war. Es hatte schon einige vor ihm gegeben. Überlebt hat es letztendlich niemand, dachte Erin, und sie griff nach ihrem Drink.

Zwei Stunden später

Im Hintergrund spielte die Musik nur noch leise und im Laufe der Zeit leerte sich auch das Lokal. Erin und Vin hatten sich an einen Tisch zurück gezogen und unterhielten sich. Je länger ihr Date dauerte, desto vertrauter wurde ihr Verhältnis. Vin fühlte sich stark zu ihr hingezogen, ohne zu wissen, wem er wirklich gegenüber saß. Doch ihr aussichtsloser Fall Desmond Tiger rückte immer mehr in die Ferne. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dieser Frau, mit der er einen wunderschönen Abend verbrachte.

Erin blickte auf ihre Uhr und gähnte leicht. „Vielleicht sollten wir langsam aufbrechen“, schlug Vin vor. „Eine gute Idee!“ pflichtete Erin ihm bei. Vin erhob sich und ging zur Theke, um zu bezahlen. Erin seufzte leise. Tief in sich verspürte sie ein Gefühl, das noch nie dagewesen war und das sie nicht richtig einordnen konnte. War es wirklich möglich, daß sie sich zu diesem Agenten hingezogen fühlte?

Sie schüttelte leicht den Kopf. Das war so gut wie unmöglich. Er war ihr Feind und sie benutzte ihn nur. Sie konnte – durfte – nicht mehr empfinden. Doch sie mußte zugeben, daß Vin Tanner eine angenehme Gesellschaft war. Erin beobachtete ihn, wie er ihre Drinks bezahlte. Okay, er ist attraktiv, gab sie im Stillen zu. Mehr würde sich jedoch niemals entwickeln. Ihre Bekanntschaft mit Vin Tanner diente nur dazu, um an Informationen über Team Sevens Aktivitäten heran zu kommen.

Vin steckte seine Geldbörse ein und kam an den Tisch zurück. Erin schenkte ihm ein Lächeln und erhob sich. „Soll ich dich noch nach Hause bringen?“ fragte Vin, als er sie zu ihrem Wagen begleitete. „Nein, das ist nicht nötig. Den Weg finde ich schon allein. Aber eine Einladung zum Essen würde ich gerne annehmen“, sprach sie. „Okay. Was hältst du von einen Abendessen?“ „Wo?“ „Bei mir?“ schlug Vin vor.

Doch in derselben Sekunde fiel ihm ein, in welcher Gegend er wohnte, und hielt es für keine gute Idee mehr. „Nein, das sollten wir nicht tun.“ „Wieso nicht? Kannst du nicht kochen?“ „So ist es nicht, Gillian. Es ist nur ... ich wohne im schlechtesten Viertel von Denver“, gestand Vin. „Und?“ fragte Erin ruhig. Dies war das Viertel, wo sie ihre Geschäfte nachts erledigte. Sie kannte dieses Viertel wie ihre Westentasche.

„Ich will dir das nicht zumuten“, sprach Vin. Und mir auch nicht, fügte er still hinzu. „Ach, das ist doch Blödsinn“, winkte Erin ab. „Ich würde gerne sehen, wie du lebst. Da spielt es keine Rolle, wo du lebst.“ „Bist du dir sicher?“ hakte Vin zweifelnd nach. „Natürlich. Wann soll ich bei dir sein?“ „Acht Uhr?“ „Ich werde da sein. Vorausgesetzt, du nennst mir die genaue Adresse.“ Vin lachte und nannte ihr seine Wohnanschrift.

Einen Moment sahen sie sich schweigend an. Dann beschloß Erin, die Initiative zu übernehmen. Sie beugte sich zu ihm und küßte ihn. Kurz war Vin überrascht, doch dann genoß er ihren zärtlichen Kuss. Er zog Erin näher an sich und küßte sie voller Leidenschaft. Ein kurzes Lächeln huschte über Erins Gesicht als sie sich von ihm löste. „Gute Nacht, Vin“, sprach sie verführerisch, dann stieg sie in ihren Wagen ein. „Gute Nacht“, sprach er leise, als er ihrem davonfahrenden Wagen nachsah.

Gut gelaunt war Vin der erste, der am nächsten Morgen im Büro erschien. Er schnappte sich eine der Akten, die auf dem Stapel „Unerledigt“ lag, und begann mit der Arbeit. „Mr. Tanner ... so früh schon auf den Beinen?“ spottete Ezra, als er mit Buck und Josiah das Büro betrat. „Guten Morgen“, erwiderte Vin bloß. Buck beobachtete Vin einen Augenblick, dann huschte ein Grinsen über sein Gesicht.

„Du bist verliebt“, stellte er fest. „Was?“ Überrascht hob Vin den Kopf. „Dich hat es voll erwischt. Dein Date war also ein voller Erfolg?“ fragte Buck neugierig nach. Er nahm Vin gegenüber Platz. „Nun ... ich hatte einen schönen Abend, danke der Nachfrage.“ „Komm schon, Vin! Erzähl ein wenig“, forderte Buck seinen Freund und Kollegen auf. Vin seufzte und verdrehte die Augen.

„Ich hatte einen schönen Abend; hab mich gut mit Gillian unterhalten und sehe sie wieder. Bist du jetzt zufrieden?“ „Gillian heißt die gute Dame also“, stellte Buck fest. „Ihr Name ist Gillian McNeal und ...“ Vin brach ab, als der Rest des Teams das Büro betrat. „Vin ist total verknallt“, platzte es aus Buck heraus. „Danke, Buck“, knurrte Vin, und er schlug die Akte auf, die er in der Hand hielt.

„Habt ihr gestern noch etwas heraus gefunden?“ fragte Vin unbeteiligt. „Nein, gar nichts! Es ist wirklich frustrierend“, sprach Josiah seufzend. „Anderes Thema“, mischte sich Buck wieder ein. „Wann siehst du sie wieder?“ „Wen?“ „Na, deine Gillian!“ „Sie ist nicht meine Gillian.“ „Noch nicht“, gab Buck seinen Kollegen lachend zu verstehen. „Also, wann triffst du dich wieder mit ihr?“ „Heute Abend! Kann ich jetzt meine Arbeit erledigen?“ sprach Vin genervt.

„Schon gut, schon gut! Ich wollte es nur wissen, da du ja schon seit Ewigkeiten keine richtige Verabredung mehr hattest.“ Ein finsterer Blick aus Vins Augen traf Buck. „Okay, ich hab verstanden! Ich halte ja schon meinen Mund“, sprach Buck mit einen leichten Schulterzucken. Chris, der gerade das Büro betrat, nickte seinen Leuten kurz zu, und sein Blick war für sie Aufforderung genug, um mit ihrer Arbeit zu beginnen.

„Wie war deine Verabredung?“ fragte er Vin, als dieser in seinem Büro erschien. „Sie war toll. Gillian ist ... eine wunderbare Frau“, schwärmte Vin. Chris hob spöttisch eine Augenbraue. „Was soll dieser Blick?“ „Du kennst die Lady noch nicht so lange.“ „Was spielt das für eine Rolle? Chris, als du Sarah begegnet bist, hast du da nicht auch sofort gewußt, daß sie die Frau deines Lebens ist?“ Chris nickte leicht.

„Ich wußte es, als ich ihr das erste Mal in die Augen sah.“ „Siehst du? Ich hab dieses Gefühl bei Gillian. Ich glaube, sie könnte die Eine werden.“ „Die Eine?“ fragte Chris neugierig. „Ja, die Eine, die allein für mich bestimmt ist.“ Ein Lächeln huschte über Chris‘ Lippen. „Wann siehst du sie wieder?“ „Heute Abend. Sie will unbedingt meine Wohnung sehen.“ „Weiß Sie, in welcher Gegend du wohnst?“ „Ja, und es stört sie nicht“, sprach Vin lächelnd.

„Na, dann wünsche ich dir viel Glück. Sie muß eine bemerkenswerte Frau sein, wenn sie dich so beeindruckt hat“, sprach Chris. „Ja, das ist sie. Gillian ist wunderbar. Ich hab das Gefühl, als würde ich sie schon eine Ewigkeit kennen“, erwiderte Vin. „Du solltest dich jetzt an die Arbeit machen, wenn du heute Abend noch ein Date hast.“ „Ich hab schon verstanden“, lächelte Vin, und er widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Recherchen über Desmond Tiger.

~ 7. ~

Abends,
20:00 Uhr

Vin sah sich noch einmal in seiner Wohnung um. Es sah einigermaßen aufgeräumt aus – jedenfalls soviel, wie man es von einen Junggesellen erwarten konnte. Da ertönte das Geräusch der Türklingel. Ein letztes Mal sah Vin sich um, dann ging er zur Tür und öffnete. „Du bist äußerst pünktlich, Gillian“, sprach er lächelnd. „Ich halte nicht viel davon, unpünktlich zu einem Termin – egal ob geschäftlich oder privat – zu erscheinen“, teilte Erin ihm mit. „Komm rein“, forderte er sie auf.

Die Tür schloß sich hinter ihr und Erin blickte sich neugierig um. Vin lebte völlig anders als die anderen Agenten und Polizisten, die ihr bekannt waren. Die Gesetzeshüter, die sie kannte, lebten in vornehmen Apartments. Nicht so Vin. Seine Wohnung lag in einem Viertel, das kein braver Bürger dieser Stadt jemals freiwillig betreten würde – egal ob bei Tag oder Nacht.

Vin beobachtete sie still, während sie sich in seiner Wohnung umsah. „Eine hübsche Wohnung – wenn man bedenkt, in welchen Viertel sie liegt“, sprach Erin schließlich. Sie drehte sich zu ihm um und schenkte ihm ein sanftes Lächeln. „Du brauchst es nicht beschönigen. Ich weiß selbst, wie ich lebe.“ „Nein, ich meine das ernst, Vin! Es gefällt mir hier.“ „Darf ich dir die Jacke abnehmen?“ „Natürlich.“ Erin zog ihre Jacke aus und reichte sie Vin. Was er sah, überwältigte ihn förmlich.

Sie trug einen langen, schwarzen Rock und eine ärmellose, weiße Bluse dazu. „Du siehst toll aus“, sprach Vin angetan. „Danke. Es war meine Absicht, dich zu beeindrucken“, gab sie freimütig zu. „Mach es dir bequem. Willst du ein Glas Wein?“ schlug Vin vor. „Zu einem Glas Wein sage ich nie nein.“ Erin machte es sich auf dem schwarzen Sofa gemütlich. „Erzähl mir von deiner Familie“, bat Vin, während er ihr ein Glas Wein reichte.

Für einen kurzen Moment wurde Erin ernst. In wenigen Tagen würde man ihren Vater hinrichten. Schon bald würde Justin Rosmond für all seine Verbrechen mit dem Tod bezahlen. Sie schluckte schwer und versuchte, sich ihre Trauer nicht anmerken zu lassen. „Ich ... habe meine Eltern verloren als ich zehn war“, erklärte sie ruhig. „Sie starben bei einem Autounfall.“ „Das tut mir leid.“ „Das muß es nicht. Es ist lange her. Und was ... ist mit dir?“ erkundigte sich Erin, obwohl sie sich in der Zwischenzeit über Vins Leben informiert hatte und seine ganze Geschichte kannte. Immerhin wollte sie wissen, mit wem sie es zu tun und welche Schwächen ihr Gegner hatte.

Schwermütig seufzte Vin. „Ich wurde zur Waise als ich fünf Jahre alt war. Wie du siehst, verbindet uns etwas.“ „Es ist nicht nur dieses Schicksal, das uns verbindet, Agent Vin“, sprach Erin verführerisch. „Uns verbindet viel mehr.“ „Und was? Du kennst mich kaum. Du weißt nichts von mir und meinen Leben.“ „Das muß ich nicht. Aber ich sehe in deinen Augen, was du gerne mit mir machen würdest.“ „Gillian, wie ...“ Doch weiter kam Vin nicht, denn Erin stand auf und preßte leidenschaftlich ihre Lippen auf seine.

Vin schlang seine Arme um sie und zog sie näher an sich heran. „Gillian, einen Moment“, flüsterte er. „Was?“ „Ich sollte nach dem Essen schauen, sonst steht meine Bude in Flammen.“ „Das wollen wir natürlich nicht“, spottete Erin amüsiert. Vin schenkte ihr ein leichtes Lächeln und eilte in die Küche. Am Herd brodelten die Nudeln für die Spaghetti vor sich hin. „Ehrlich gesagt ...“, sprach Erin hinter ihm. „... Habe ich im Moment wenig Lust auf ein Abendessen.“ „Tatsächlich? Und was willst du statt dessen machen?“ fragte Vin scheinbar ahnungslos. „Stell den Herd ab, Vin“, sprach sie bloß und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

„Ziemlich direkt, die Frau. Worauf habe ich mich da eingelassen?“ flüsterte Vin kopfschüttelnd. Doch er konnte auch nicht abstreiten, daß er anbiß. Sie hatte den Köder ausgeworfen, und er reagierte darauf. „Anscheinend ist Gillian es gewohnt, den ersten Schritt zu tun“, überlegte Vin laut, als er den Herd abschaltete und die Kochtöpfe zur Seite stellte. Ihm war klar, daß das Essen kalt werden würde, aber das interessierte ihn im Moment nicht.

Wie in Trance kam Erin im Wohnzimmer auf ihn zu und